30. Januar - Mk 6, 30-44

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Kommentare: 6
  • #1

    Artur Janzen (CINF/BBG) (Samstag, 30 Januar 2016 06:57)

    Hallo Geschwister,

    heute können wir wieder mal sehr vieles aus dem Bibelabschnitt lernen. Aufgreifen möchte ich auch die erste Frage aus dem Schwarzbrot-Buch. Hier würde mich eure Einschätzung sehr interessieren.

    1) Wo liegen eurer Ansicht nach die Gründe dafür, dass heute so wenige Menschen Sehnsucht nach der Botschaft von Jesus Christus haben?

    2) Was können wir aus diesem Bericht in Verbindung mit dem gestrigen Textabschnitt über Jüngerschaft und Dienst lernen?

    3) Welche missionarische Programmatik setzt Jesus hier (fast schon prophetisch)? Beachte dazu sein zweifaches Handeln und die Aufforderung an die Jünger in V. 37!

  • #2

    Jonas (Samstag, 30 Januar 2016 10:13)

    @Artur, Frage 1:
    Erstmal denke ich, dass sich der Autor primär auf Deutschland und die westliche Welt vielleicht noch bezieht. Denn wenn wir nach Asien, Afrika oder Südamerika schauen, sieht es ganz anders aus. Dort ist häufig ein großer Hunger nach dem lebendigen Gott, der sich in Jesus Christus geoffenbart hat.
    Einige Gründe sind wohl: Der Wohlstand in unserem Land, die vermeintlich "wissenschaftliche" Herangehensweise an die Bibel, die kindlichen Glauben zerstört. Viele Kirchen, Pfarrer und höhere Personen in evangelischen Kreisen haben da einen großen Anteil daran. Außerdem die vielen alternativen religiösen und spirituellen Angebote, die vielmehr das Ego in den Mittelpunkt stellen. Und mit Sicherheit auch das zersetzende Menschenbild des Humanismus seit der Aufklärung mit dem Slogan "Der Mensch ist gut". Alles dreht sich um mich. Nach Gott wird nicht mehr gefragt.

    Zum Text: Am meisten hat mich der Vers 34 angesprochen, der auch der Tagesvers im Schwarzbrot ist. Jesus hatte tiefes Mitgefühl mit den Menschen, denn sie hatten keinen Hirten. Und so erbarmte sich der Heiland über sie, indem er sie belehrte und ihnen Speise gab. Jesus erweist sich hier als der gute Hirte (vgl Joh 10). Die religiösen Führer Israels haben offensichtlich versagt! Das erinnert mich an heute, wo viele Pfarrer und Bischöfe und was es alles gibt in den Kirchen versagen! Sie kümmern sich nicht um ihre Schafe! Das beklagte bereits Gott durch Hesekiel (Hes 34).
    Aber Gott bleibt nicht bei der Kritik stehen (Hes 34,1-10a). V.34b-35: "denn ich will meine Schafe aus ihrem Maul erretten, daß sie ihnen künftig nicht mehr zum Fraß dienen sollen. Denn so spricht Gott, der Herr: Siehe, ich selbst will nach meinen Schafen suchen und mich ihrer annehmen!" Ist das nicht das, was Jesus in unserem Text tut?
    Menschen, Pfarrer versagen, Gott nie!
    Wie wunderbar, dass Jesus auch mich verlorenes Schaf gesehen hat und mir nachgegangen ist und dass er mich angenommen hat und nun mein guter Hirte ist! Halleluja!

  • #3

    Marcus (CINF & Bibelbaptisten) (Samstag, 30 Januar 2016 13:10)

    Guten Mittag!

    Zu erst einmal bin ich erstaunt, die Geschichte habe ich schon tausend mal gehört, aber dennoch, wenn man sich vor Augen führt, was da los gewesen sein muss (ca. 20000 Menschen, inkl. Frauen und Kinder) und Jesus muss sie mit seinen paar Mann an Jüngern betreuen. Zumal die Jünger sich ja eigentlich ausruhen sollten von ihrem von Jesus aufgetragenen Dienst (vgl. V. 7f.). Verständlich, dass sie die Menschen wegschicken wollten, wahrscheinlich um Ruhe zu haben, zum anderen aber auch aus ganz pragmatischen Gründen ("bevor der Lidl zumacht, schnell noch was einkaufen gehen."; zudem gab die Jüngerkasse auch nicht so viel her um alle zu versorgen). Ich kann mich da ganz gut mit den Jüngern identifizieren.

    zu 1.) Ich kann mich da Jones' Post anschließen. Grad ganz aktuell habe ich einen Kommentar zu einem Interview mit Torsten Hebel (u. a. JesusHouse) gelesen (http://www.gemeindenetzwerk.de/?p=13100), das stimmt einen sehr traurig wenn man sieht, welch anderes Evangelium dort verkündet wird.
    Nun aber noch diesbezüglich: Schaut man sich die Parallelstelle in Matt. 9, 36-38 an, könnte es auch an den wenigen Arbeitern liegen, die die Ernte einfahren sollen.

    teilweise zu 2.) Jesus sind unsere menschlichen Grenzen kein Hindernis. Wie oft denke ich, ich hab's doch nicht drauf, kann den anderen das Evangelium nicht rüberbringen, mir geht's nicht so gut, ich habe so viele Schwächen, mir fehlt dies oder jenes. Mitunter können wir hieraus lernen, dass Gott uns trotz unserer Unfähigkeiten trotzdem benutzen kann und wir sollten darauf vertrauen. Natürlich schließt dies nicht geistliches Wachstum und Arbeit an den Gaben und dergleichen aus.

    So denn, bin gespannt, was euch noch so zu den Fragen einfällt.

    Habt einen gesegneten Tag.

  • #4

    Artur Janzen (CINF/BBG) (Samstag, 30 Januar 2016 22:27)

    Danke für die Beiträge und wertvollen Gedanken! Gerne würde ich noch mehr Stimmen hören - v.a. zur ersten Frage. Ich glaube, dass es für uns sehr hilfreich und wegweisend sein kann, wenn wir diese Frage gründlich reflektieren. Es wird uns deutlich machen, wie wir als Christen in dieser Welt auftreten können. Also, her mit euren Einschätzungen!

    zu 1)
    Ich möchte nochmal zwei Punkte stark machen, die Jones bereits genannt hat:

    a) Wohlstand: Deutschland gehört zu den Ländern mit einem der höchsten Lebensstandards (es gibt nur wenige Länder, wo dieser oder die Zufriedenheitsrate im Gesamtdurchschnitt noch ein wenig höher sein soll, z.B. in Norwegen oder Dänemark). Wohlstand und Reichtum, so genussvoll es auch ist, hat das Potenzial, den Menschen den Fokus von Gott zu rauben. Dies hat schon der Schreiber dieses Sprüchewortes erkannt und folgendermaßen formuliert: "Armut und Reichtum gib mir nicht, nähre mich mit dem mir beschiedenen Brot; daß ich nicht aus Übersättigung dich verleugne und sage: Wer ist der Herr?, daß ich aber auch nicht aus lauter Armut stehle und mich am Namen meines Gottes vergreife!" (Spr 30,8f.). Jesus hat ebenfalls festgehalten, dass die Nachfolge für Reiche besonders schwer ist, weil es so viel aufzugeben gilt (Mk 10,17ff.). Er ging sogar so weit, folgenden sich gegenseitig ausschließenden Kontrast aufzustellen: "Kein Knecht kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird dem einen anhängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon!" (Lk 16,13). Im Gleichnis vom vierfachen Acker (Mk 4,3-9) zeichnet Jesus ein Szenario, in dem das ausgesäte Wort Gottes von Dornen erstickt wird. In der Auslegung dieses Gleichnisses erklärt Jesus dann, dass es die "Sorgen dieser Weltzeit und der Betrug des Reichtums und die Begierden nach anderen Dingen" (´Mk 4,19) sind, die das Wort Gottes ersticken. Dies gilt mit Sicherheit auch für uns Christen.
    Wohlstand und Reichtum werden in der Bibel nicht per se negativ bewertet (im AT sind sie oft Zeichen für Gottes Segen), doch stellen sie eine große Herausforderung für jeden dar, der sich mit seinem ganzen Leben in die Nachfolge Jesu begeben möchte. Für mich ist es eine Lebenskunst, die Mitte zwischen zu-viel und zu-wenig, von der der Sprücheschreiber oben sprach, zu finden. Dafür scheint mir göttliche Weisheit vonnöten zu sein.

    b) Spirituelles Angebot: Das Angebot an Religionen, Weltanschauungen und spirituellen Alternativen ist in Deutschland riesig. Es beginnt bei der großen Auswahl an Konfessionen und Strömungen innerhalb des Christentums, geht über den Islam, Buddhismus, Atheismus, Hinduismus, Esoterik, Mystik, Sekten bis hin zu säkularen Lebensformen (Humanismus, Fitness&Sport-Lifestyle) und politischen Anschauungen. Genau betrachtet, zeigt sich in diesem großen Angebot eine Reaktion auf eine große Nachfrage. Die Menschen haben geistlichen Hunger. Auf verschiedenen Wegen versuchen sie, diesen zu stillen. Die Botschaft des christlichen Glaubens ist dabei nur eine Stimme von vielen in unserer Gesellschaft. Aber das war zu Zeiten der ersten Christen gar nicht anders. Bedenkt die große Religions- und Göttervielfalt im Römischen Reich. Dennoch gab es an allen Orten Menschen, die sich auf Christus einließen.

  • #5

    Artur Janzen (CINF/BBG) (Samstag, 30 Januar 2016 22:28)

    zu 2)
    Nimmt man den Text von vorgestern und den von heute zusammen, kann man einige wichtige Lektionen ableiten:

    a) Christlicher Dienst findet in Teams statt. Bereits der weise Prediger hatte die Stärken von Zusammenarbeit erkannt und es so ausgedrückt: "Es ist besser, daß man zu zweit ist als allein, denn die beiden haben einen guten Lohn für ihre Mühe. Denn wenn sie fallen, so hilft der eine dem anderen auf; wehe aber dem, der allein ist, wenn er fällt und kein zweiter da ist, um ihn aufzurichten! Auch wenn zwei beieinander liegen, so wärmen sie sich gegenseitig; aber wie soll einer warm werden, wenn er allein ist? Und wenn man den einen angreift, so können die beiden Widerstand leisten; und eine dreifache Schnur wird nicht so bald zerrissen." (Pred 4,9ff.).

    b) Die Jünger erzählen Jesus "alles, was sie getan und was sie gelehrt hatten" (V. 30). Reflexion gehört zu den lehrreichsten Methoden. Das Besprechen und Auswerten von Einsätzen und Diensten fördert die Gabenentwicklung und steigert die Qualität.

    c) Jesus ist es wichtig, die Jünger an einen ruhigen Ort zu bringen, damit sie sich ausruhen können (V. 31f.). Erholung und Essen nach anstrengenden Dienstphasen sind wichtig für die Regeneration und einen langfristig effizienten Dienst.

    d) Jesus reagiert spontan auf die geistlichen Bedürfnisse der Menschen (interessanterweise findet hier keine Heilung statt sondern nur Verkündigung; V. 34). Christlicher Dienst kann einiges an Spontanität und Aufwand erfordern. Oft ergeben sich spontan seelsorgerliche Gespräche u.Ä., die einiges an Zeit und Mühe kosten und für die man sich "aufraffen" muss. Aber es sind oft auch diese Situationen, in denen Gott intensiv wirkt und aus denen man innerlich bewegt und selbst gestärkt hervorgeht.

  • #6

    Artur Janzen (CINF/BBG) (Samstag, 30 Januar 2016 22:29)

    zu 3)
    Jesus reagiert auf die inneren und äußeren Bedürfnisse der Menschen. Den inneren Hunger stillt er mit seiner Lehre (V. 34) und den äußeren mit der Essensvermehrung (V. 42). Aus diesen zwei Handlungen sind die zwei Hauptaufgaben christlicher Mission erwachsen: Verkündigung und Diakonie. Beide gehen bei Jesus Hand in Hand. Im Laufe der Kirchengeschichte und auch gegenwärtig war und ist es eine Herausforderung, beide Seiten in der Waage zu halten. Diakonisches Engagement für sich alleine verfehlt das Hauptziel christlicher Mission, nämlich die Verbreitung des Evangeliums und die damit verbundene Seelenrettung. Aber auch ein einseitiger Fokus auf Verkündigung übersieht, dass der Mensch auch körperliche Bedürfnisse hat, die Gottes Liebe stillen möchte. Auf die richtige Ausgewogenheit kommt es also an.
    Wegweisend ist auch die Aufforderung Jesu an seine Jünger in V. 37: "Gebt ihr ihnen zu essen!" Noch ist Jesus der Handelnde, doch schon bald wird er mit dem Missionsbefehl (Mt 28,16ff.; Mk 16,15f.) den Stab den Jüngern übergeben. Dann werden es die Jünger sein, die den Menschen sowohl körperliche als auch geistliche Nahrung bringen werden. Die Apg zeichnet den Anfang dieser großen Mission Gottes. "Gebt ihr ihnen zu essen" - so hallen noch bis in unsere Gegenwart hinein Jesu Worte nach.
    Kennzeichnend hier wie auch für die Missionsgeschichte, wie sie seitdem eigentlich immer ablief, ist die Abhängigkeit von Gottes Geben. Wie oft standen Gemeinden und Missionare mit sehr begrenzten Mitteln in ihren Händen da und wussten nicht, wie sie damit arbeiten sollten. Und immer war es Gottes wundersame "Vermehrung", die die anstehende Bedürfnisse stillte. Sicherlich kennt ihr viele solcher Geschichten und habt sie teilweise schon selbst erlebt. Besonders erwähnenswert ist an dieser Stelle sicherlich die erstaunliche Missionsgeschichte von Georg Müller (1805-1898) und August Hermann Francke (1663-1727), die Begründer der klassischen "Glaubenswerke" (also spendenbasierte christliche Werke)
    Passend dazu eine Buchempfehlung von Michael Kotsch, einem meiner ehemaligen Lehrer in der Bibelschule Brake: http://www.amazon.de/August-Hermann-Franke-P%C3%A4dagoge-Reformer/dp/3894368349/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1454188956&sr=8-1&keywords=august+hermann+francke